Rentner’s Paradise: Feuertaufe an der Wursttheke

by Malte on Januar 29, 2014

Rückblickend betrachtet war es von Anfang an eine Scheißidee. Was anfänglich noch Neugierde und Abenteuerlust war, kippt schnell in ein Gefühl der Verlorenheit um. Ich bin Fremdkörper und als solcher werde ich auch behandelt. Mir im Vorbeigehen zugeworfene Blicke schwanken auf der Zuneigungsskala zwischen liebenswürdig-bemitleidend und hasserfüllt-abweisend; die neutrale Grauzone ist ausradiert. Ich befinde mich im Niemandsland, bin hinter feindlichen Linien auf mich alleine gestellt. Ich befinde mich im real-Markt Bremen-Habenhausen. Es ist 11:30 Uhr an einem Freitagvormittag. Wie ich heute auf die harte Tour lernen werde, ist dies die Primetime für den Wochenendeinkauf aller Stadtteilbewohner, deren Geburtsdatum auf vor 1939 zurückdatiert.

Mit grauen Jacken und Seemannsmützen bewaffnet trifft sich hier alles, was Rang und Namen in Shantychor und Kegelclub hat. Es geht allerdings um weit mehr als nur den Einkauf der Lebensmittel fürs Wochenende, welches ja sowieso keinen Zweck erfüllt, schließlich ist für besagtes Klientel jeder Tag Samstag. Vielmehr ereignet sich hier ein vorstädtisches Großereignis, ein Schaulaufen von Strickjackenträgern und Rollatorpiloten. Ich merke schnell: An diesem Ort wird genau jetzt die soziale Hackordnung Habenhausens bestimmt, es ist ein einziges sehen und gesehen werden (soweit die Sehstärke es zulässt). Am Freitag werden die Dauerwellen zum Klönschnack am Konservenregal feinsäuberlich hochtoupiert, was zur Folge hat, dass der gesamte Laden, je nach Aufenthaltsgebiet mehr oder weniger dezent, nach Drei-Wetter-Taft riecht. Am Freitag steht man noch früher als sonst auf, um die silbergrauen Opel Vectras (Baujahr 1994) noch fix durch die Waschstraße zu kutschieren, damit bei der Auffahrt auf den Parkplatz auch ordentlich Eindruck geschunden wird.

Eine gewisse Exklusivität wird da vorausgesetzt. Da kann man nicht einfach so als Normalsterblicher mir nichts, dir nichts hereinmarschieren (so wie ich) und noch erwarten, freundlich behandelt zu werden. Meine einzigen Verbündeten sind (der Uhrzeit nach zu urteilen) größtenteils arbeitslose Söhne um die vierzig, die ja sowieso nichts zu tun haben und deshalb auch Graupensuppe und Nierentee für Muddern aus dem Regal fischen können. Muddern platziert sich derweilen herrisch in der Gangmitte und wirft mit dem Gehstock im Anschlag mit kommandoartigen Anweisungen um sich. Sohnemann hetzt daraufhin unermüdlich durch die schier endlosen Regalschluchten und kehrt dann hechelnd zu Muddern zurück, um seine Beute zu präsentieren. „Nee, die von Kühne hab ich gesacht!“, fährt sie ihn an, woraufhin er mit dackelgleich gesenktem Kopf auf der Suche nach der richtigen Spreewaldgurkensorte wieder abtrottet. „Und gleich müssen wir dann noch nache Fleischtheke hin!“, bellt sie ihm hinterher.

Mir graut es, denn an ebendiese Fleischtheke führt mich auch meine durch den Einkaufszettel von Oma bestimmte Reise. Sie hätte gerne 150g Fleischsalat, aber „auf keinen Fall den abgepackten“, hallt es in meinem Kopf nach. Ich manövriere also an Muddern vorbei, die noch immer munter vor sich hinkeift, in Richtung des hauseigenen Metzgereibetriebes. Beim Anstellen werde ich Zeuge eines Schwarmverhaltens der besonderen Art. Ich reihe mich, wie es sich gehört, am Ende der Schlange an, wobei mir in der Ausrichtung meines Einkaufswagens ein grober Schnitzer unterläuft, der mich als eindeutigen Außenseiter brandmarkt. Die strafenden Blicke der vor mir aufgereihten Scheintoten durchdringen mich. Ich habe, ohne groß darüber nachzudenken, meinen Einkaufswagen parallel zur Fleischtheke positioniert. Die restlichen Supermarktkunden haben ihre Einkaufswagen hingegen im lupenreinen 90-Grad-Winkel mit der Nase von der Theke weg drapiert, um so den Aufbau einer längeren Wurstschlange zu ermöglichen. Beschämt korrigiere ich meine Parkposition und schaue entschuldigend in die Runde. Damit ersticke ich den drohenden Konflikt im Keim, die Wurstschlange lässt von mir ab. Ich Konformist. Ich bin überrascht über die Vielfalt an Wurstsorten, die hier ausliegt und anscheinend auch gerne bestellt wird. Die grobe Jagdwurst (sprich: Jachtwors) erlebt ihre Hochkonjunktur und auch der totgeglaubte Apfel-Grieben-Schmalz erweist sich als wahrer Kassenschlager.

Auch sonst legen die Senioren ein Shopping-Verhalten an den Tag, das für den Otto-Normal-Einkäufer, milde gesagt, nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Im Stop-and-Go fließt der Verkehr schubweise durch den Supermarkt, wobei penibel auf die Einhaltung der Rechts-vor-Links-Regel geachtet wird. Wer hier unachtsam ist und andere Verkehrsteilnehmer behindert oder ihnen gar die Vorfahrt nimmt, fängt sich schnell eine ausgedehnte Predigt an. Diese beginnt meist mit dem Verhalten der jungen Leute (als klar abgegrenzte soziodemographische Bevölkerungsgruppe) generell, involviert die namentliche Nennung mehrerer CDU-Politiker der Vergangenheit und endet meist mit den Leiden der Nachkriegszeit. Die Abarbeitung der verschiedenen Themenkomplexe kann, abhängig von der Tagesform des Referenten, zwischen fünf und fünfzig Minuten in Anspruch nehmen – man tut also gut daran, seine Einkäufe mit Vorsicht durch die Gänge zu karren.

So erledige ich also, durchgängig geplagt von Versagensängsten, den Rest meiner Einkäufe und komme dann völlig verunsichert und durchgeschwitzt endlich an der Kasse an. Über die Kleingeldaffinität der vor mir wartenden Kunden bin ich nach alldem nun auch nicht mehr sonderlich überrascht. Da werden Beträge trotz stark ausgeprägter Kurzsichtigkeit auf den Cent genau abgezählt, eine Kombination, die den Bezahlvorgang doch latent entschleunigt. Die geduldige Kassierin lächelt mir entschuldigend zu, wobei sie ihre vom jahrelangen exzessiven Nikotin- und Koffeinkonsum verfärbten Zähne entblößt. Anders kann man das hier auch nicht ertragen, vermutlich kippt sie sich über Frühstück und Mittagspause verteilt dazu noch eine Flasche Mariacron auf die Leber. Für mich sieht sie aus wie Ende vierzig, ist wahrscheinlich aber erst Anfang zwanzig. Die Blüte ihrer Jugend verschenkt an die Spitze der Alterspyramide; sich die Schönheit aussaugen lassen von den Grauhaarzombies, die hier allwöchentlich durch die Gänge schlurfen. Sie wirkt verlebt, erinnert vom Erscheinungsbild entfernt an Mick Jagger. Kein Wunder, denke ich mir, fünfzig Jahre Sex, Drugs and Rock’n’Roll sind ein Kinderspiel, verglichen mit fünf in der Rentnerhölle.

One comment

Scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, hier mein Erlebnis:

Morgens, halb elf im Aldi – oder jede Generation hat ihre Zeit

Was fange ich mit meinem freien Vormittag an? Magen- und Kühlschrankinhalt sind sich einig, ich sollte einkaufen. Eigentlich eine prima Idee, denke ich. Mal nicht im Feierabendstress durch den Laden jagen, sondern entspannt die sieben Sachen zusammen suchen und dann gemütlich zurück auf den sonnigen Balkon.
Gedacht, getan.
Nun husche ich also im Aldi zwischen Hackenporsches und Rollatoren hin und her und greife die mir erwählten Produkte. Offensichtlich unterscheidet sich mein Kaufverhalten völlig, von dem der anderen Ladenbesucher. Ich komme problemlos an die Aufbackbrötchen-Abteilung, die Tiefkühltheke und das Kühlregal mit den Singleportionen. Was ein schneller Einkauf!
Ich schiebe meinen Einkaufswagen also an die Kasse und mache mich direkt daran, mein Gut aufs Band zu legen.
Vor mir unterhalten sich angeregt zwei Rentnerinnen. „Ja, Günter geht’s besser, aber jetzt meldet er sich wieder nicht.“ – „Die armen Kinder haben immer so viel zu tun.“
Ohne Eile sehe ich mich um und frage mich, um wie viele Jahre ich den Altersschnitt im Aldi gerade senke und ob das schon einen Facebookeintragwert ist.
In diesem Moment rammt ein Rollator meinen Einkaufswagen. „Können sie ihr Zeug bitte ordentlich aufs Band legen?“ Vorwurfsvoll blickt der rüstige Herr auf meine Tiefkühlpizza, die sich am Bandende verfangen hat und das weitere Auflegen blockiert. Ich stammele eine Entschuldigung, schiebe die Pizza vor und drehe mich wieder nach vorne, um nach meinem Handy zu greifen. Wieder rammt der Rollator meinen Wagen, diesmal mit mehr Kraft. „So ein Ding, könnten Sie auch noch hinter ihre Sachen legen! Nicht nur immer telefonieren! So ein Ding, steht mir auch noch zu!“ Irritiert verfolge ich seinen wild gestikulierenden Arm, der auf die Warentrenner weist. Natürlich.
Ich markiere also das Ende meiner Einkäufe durch dieses Stück Plastik, welches sicher stellen soll, dass seine Ware nicht von meinem Geld bezahlt wird. Er beginnt fluchend seine Einkäufe aufs Band zu legen. Um mich rum ist es still geworden, die Rentnerin vor mir schüttelt den Kopf, während sie ihren Hakenporsche von der Kasse weg zieht.
Endlich bin ich mit Zahlen dran. Ich merke wie mich die Blicke verfolge, als ich meine EC-Karte zücke. Jemand hustet. Sonst ist es peinlich still. Unter dieser Beobachtung vertippe ich mich natürlich beim Pin. Es scheint ein eiskalter Wind durch den Laden zu ziehen. Hochkonzentriert wage ich einen zweiten Versuch.
„Zahlung erfolgt!“ Halleluja!
Eilig, schiebe ich den Einkaufswagen zurück, greife meinen Stoffbeutel und verlasse den Laden.
Meine nächsten Einkäufe werde ich wieder nach Feierabend erledigen, jede Generation hat ihre Zeit.

by Martina on 31. Januar 2014 at 20:58. Antworten #

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