Israel: Weit weg und doch so nah.

by Lennart on Juni 11, 2013

24. Dezember 2012, 8 Uhr morgens, 25°. Dieses Szenario mag dem ein oder anderen bekannt sein, der zum Beispiel nach dem Abitur für ein Work&Travel-Jahr in Australien war. Allerdings bin ich nicht auf dem Weg zum Strand sondern zu meinem allmorgendlichen Hebräisch-Kurs. In einem Land, in dem nur etwa 2% der Bevölkerung Christen sind, haben die für uns üblichen Feiertage kaum Bedeutung; nur als mittags meine Arabisch-Lehrerin Baklava mitbringt kommt ein kleines bisschen Festtagsstimmung auf.

Israel_1_Weg zum Hebräischkurs an Heiligabend

Was verschlägt mich also in dieses Land, das wir zwar aus den Nachrichten kennen, das uns aber doch so fern scheint? Nachdem ich vor drei Jahren schon meinen Zivildienst in Jerusalem verbracht habe und dort körperlich Behinderte gepflegt habe, hat es mich gereizt, noch einmal zurück zu gehen und das Land als Student kennen zu lernen. Israel liegt am östlichen Rand des Mittelmeeres und ist damit näher als man denkt: Mit etwa dreieinhalb Flugstunden von Berlin ist es nicht weiter entfernt als Gran Canaria. Das Land, das etwa so groß wie Hessen ist, besteht zu großen Teilen aus einer Wüste, hat Zugang zu drei Meeren (Mittel-, Totes und Rotes Meer) und doch kann man im Winter im Norden Ski fahren. Die Großstädte sind ähnlich vielfältig. Die Hauptstadt Jerusalem ist das Zentrum der drei großen monotheistischen Weltreligionen, Tel Aviv ist eine der modernsten Partymetropolen und gilt mit seiner Weltoffenheit als eine der Hauptstädte der Schwulen- und Lesbenszene und in Haifa sind viele Technologiefirmen angesiedelt. Kurz gesagt: In Jerusalem wird gebetet, in Tel Aviv wird gefeiert und in Haifa wird gearbeitet. Demnach war Haifa zum Studieren wohl nicht der schlechteste Standort; vor allem kann man die anderen beiden Städte kann man auch innerhalb von zwei Stunden erreichen.

Israel_3_Blick auf Haifa aus dem Wohnheim

Da sich sowohl der jüdische als auch der muslimische Kalender von unserem gregorianischen unterscheiden, wurde auch Silvester kaum gefeiert. Für einen Dienstag waren zwar recht viele Leute unterwegs, allerdings auch nicht mehr als an einem normalen Donnerstag. „Donnerstag als üblicher Partytag?“, mag man sich vielleicht fragen. Ganz genau! Da die Muslime am Freitag ihren Ruhetag begehen und die Juden mit dem Sabbat folgen, erstreckt sich das israelische Wochenende auf diese beiden Tage und ist damit quasi einen Tag „vorverlegt“. Doch es gibt auch noch andere Unterschiede. Das Preisniveau ist in vielen Fällen höher als in Deutschland (Ein Bier kostet in einer Bar meistens 5-6€) und ein Cheeseburger wird nur auf Nachfrage mit Käse belegt, da in der koscheren jüdischen Küche Milch und Fleisch getrennt werden.

Israel_4_Tel Aviv

„Ist es da unten denn nicht viel zu gefährlich?“, ist eine häufig gestellte Frage. Nach meiner Erfahrung: Nein! In den insgesamt knapp anderthalb Jahren, die ich im Land gelebt habe, war mein Leben nie gefährdet. Vor jedem Supermarkt ist ein Sicherheitsmann postiert, der jegliche Taschen kontrolliert und vor wichtigeren Gebäuden wie der Central Bus Station, Bahnhöfen oder der Universität wird mit Metalldetektoren gearbeitet. Natürlich ist das für einen Neuling erst mal irritierend, aber ich habe mich in Deutschland fast schon unsicher gefühlt, als ich zurückkam.

Israel_5_Blick auf das Mittlemeer ganz hoch im Norden

Die politische Lage habe ich so erlebt: Als ich das erste Mal nach Israel kam, dachte ich, dass ich „den Konflikt“ endlich verstehen würde. Einerseits verstehe ich jetzt viel besser, warum Leute in der Region ticken, aber eine Lösung scheint mir andererseits viel weiter entfernt. Vor Ort merkt man dann doch, wie häufig man die beiden Völker mit einer gewissen europäischen Arroganz bewertet und die Situation zu stark simplifiziert. Besonders dicht kam es, als im November der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen so stark wurde, dass die israelische Armee stärker reagierte als zuvor. Ich selbst war zwar nicht bedroht, da die Raketen nicht ganz bis in den Norden reichten, allerdings bekam diese militärische Auseinandersetzung eine persönliche Note, als fünf Freunde von mir für eine eventuelle Bodeninitiative eingezogen wurden und für eine Woche fehlten. Auf einmal war das, was man sonst in den Nachrichten sieht, sehr nah und konnte nicht so schnell weggezappt werden. Zum Glück konnten die beiden Konfliktparteien rechtzeitig einen Waffenstillstand aushandeln, sodass die Fünf unverletzt zurückkehrten.

Israel_6_Schnee in Jerusalem

Denjenigen, die trotz der angespannten Lage einen Besuch im Heiligen Land in Erwägung ziehen, würde ich noch folgendes auf den Weg geben: Mit einem israelischen Stempel im Pass kann man die beiden Nachbarländer Jordanien und Ägypten bereisen, für die restlichen Länder des Nahen Ostens braucht man einen zweiten Reisepass. Israel ist also ein guter Start für alle, die in diese interessante Region eintauchen wollen; egal, ob man ein ganzes Semester dort verbringt oder nur den nächsten Urlaub.

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