Europa

by Lennart on Februar 24, 2013

Und da bist du in Leuven, einer belgischen Kleinstadt in der Nähe von Brüssel, und merkst, dass Europa mehr ist als Reisefreiheit, der Euro oder die EU.

Europa heißt unter anderem auch, dass du in einem beliebigen Ort studieren kannst, zusammen mit Spaniern, Italienern, Österreichern, Iren, Griechen, Portugiesen, Holländern, Polen, Tschechen, Belgiern, Schweden, Türken, Dänen oder auch Norwegern. Man geht eine Freundschaft auf Zeit ein, wird nach dem Semester nicht alle wiedersehen und doch fühlen sich die Beziehungen bereits nach einer Woche so an, als ob man schon mindestens einen Monat da wäre.

Abends steht man in einer Bar und fragt einen Griechen vorsichtig, ob man ob der deutschen Arroganz in der Eurokrise gehasst wird. Und der Grieche reagiert genauso sensibel mit der Aussage: „Ich dachte, ihr hasst uns, weil wir unsere Probleme nicht gelöst kriegen…“ Ich erzähle ehrlich, dass es bestimmt viele Deutsche gibt, die Vorurteile haben, dass Griechen faul seien, aber dass die zu großen Teilen Meinungsmache der Medien sei und wiederum andere viel reflektierter dächten. „Aber es stimmt doch auch irgendwie! Wir sind ein bisschen faul!“ Und wieder einmal merke ich, dass es einen großen Unterschied macht, ob jemand sich selbst kritisiert zuschreibt oder ob ein Außenstehender Vorurteile über eine Gruppe von Menschen verbreitet. Ersteres ist eher mit positiven Emotionen und dem Wunsch nach Besserung verbunden, wohingegen letzterem eher negative Emotionen und eine herablassende Haltung zu Grunde liegen. Das Land, in dem heute wohl die meisten Witze über den Holocaust gemacht werden, ist Israel. Was dort aber die Fähigkeit ist, über sich selbst lachen zu können, kann in anderen Kontexten schnell antisemitisch sein. Genauso ist es doch völlig klar, dass ein Weißer das Wort „Neger“ nie und nimmer neutral verwenden kann, auch wenn es Schwarze untereinander gebrauchen. Der Grat zwischen Selbstironie, Vorurteilen, Ressentiments und Rassismus ist sehr schmal und fließend.

An einem anderen Tag fragt eine Spanierin, was ich von Merkel halte. „Unabhängig von ihrem Kabinett habe ich den Eindruck, dass sie eine gute Kanzlerin ist. Bei den Deutschen ist sie sehr beliebt, wobei ich wenig von ihrer Politik mitbekomme. Viele haben das Gefühl, dass sie unsichtbar ist und kritisieren, dass sie Probleme aussitze und warte, bis diese sich von selbst lösen.“ – „Tatsächlich? In Spanien ist sie fast täglich in den Nachrichten.“ Als ich sie auf die nächsten Wahlen anspreche, meint sie: „Im Prinzip sind die mir egal. Ich habe mich vor zwei Jahren bei
‚Democracia Real Ya!‘ (Echte Demokratie jetzt!) engagiert, aber das hat auch nichts gebracht. Die Politiker haben zwar beteuert, dass sie sich über das Interesse der Bürger an Politik freuen, aber im Endeffekt sind immer noch viele korrupt und auf ihren eigenen Vorteil bedacht.“

Bei alledem wird sichtbar, wie wichtig der Austausch zwischen den einzelnen Ländern ist, damit Europäer voneinander lernen können und Vorurteile entkräftet werden. Die EU besteht ja nicht nur aus einer Wirtschaftsgemeinschaft, in der die Abschaffung von Handelsbarrieren das größte Ziel ist. Das Motto der EU „Unity in diversity“ (In Vielfalt geeint) wird besonders anhand der Sprache deutlich: Englisch ist die gemeinsame Basis zur Verständigung, aber jeder hat und behält seinen eigenen Akzent. Man braucht im Moment also keine Angst zu haben, dass Europa die besonderen Eigenschaften der einzelnen Länder verdrängt.

Und da bist du in einer belgischen Kleinstadt und fühlst dich auf einmal so europäisch.

One comment

Unity in Diversity ist übrigens auch der Wahlspruch Indiens 🙂

by anderer Lennart on 24. Februar 2013 at 16:29. Antworten #

Leave your comment

Required.

Required. Not published.

If you have one.