Geflügelspezialitäten auf der Hühnerbrust

by Lennart on September 20, 2012

Eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich wohl in vielen Bremer Haushalten abgespielt haben dürfte:

Ärger

Ralle ist seit langen Jahren Werder-Fan. Er hat die großen Jahre unter Otto Rehhagel in guter Erinnerung, die Durststrecke unter Trainern wie Dixie Dörner durchgestanden und unter Thomas Schaaf Erfolge gefeiert. Nachdem der Werder-Motor in letzter Zeit ins Stocken gekommen war, gab die soeben abgeschlossene Saisonvorbereitung viele Gründe zur Hoffnung. Endlich war die Mannschaft mal wieder fast die ganzen Wochen zusammen und wurde von Verletzungen weitestgehend verschont. Auch Klaus Allofs schien mit seinen Transfers wieder mal ein glückliches Händchen bewiesen zu haben und Thomas Schaaf überraschte seine Kritiker, als er nicht krampfhaft an der Raute festhielt sondern auf ein modernes 4-3-3 umstellte.  In Hamburg konnte man mit Siegen über Borussia Dortmund und Bayern München überraschend den Liga-Total-Cup gewinnen. Alles war gut.

Doch nun ist Ralle empört; die gute Stimmung scheint verflogen. Werder Bremen, sein Verein, hat einen neuen Trikotsponsor: Wiesenhof. Er kannte das Unternehmen bisher zwar nur für die Bruzzzler, doch nach dem, was nun zu lesen ist, ist er richtig sauer. Zunächst konnte er die allgemeine Aufregung gar nicht einschätzen und setzte sich deswegen vor seinen Computer. Bei YouTube fand Ralle ein Video der Tierschutzorganisation PETA:

(Vorsicht, nicht für schwache Nerven)

Was dort zu sehen ist, geht gar nicht! Die Enten werden so schlecht behandelt, so kann das doch nicht weitergehen. Dass es sich immerhin um ein Video einer Tierschutzorganisation handelt, die die Situation eventuell einseitig beleuchten könnte und gar nicht auf der Suche nach objektiver Wahrheit ist, kommt ihm nicht in den Sinn.

Er hat als Fan schon viel mitgemacht. Auch die letzten Hauptsponsoren (Citibank/Targobank, Bwin, KiK) waren zweifelhaft, aber dieses Engagement des Geflügelschlachters bringt nun das Fass zum Überlaufen. Wiesenhof werden neben der Tierquälerei noch schlechte Arbeitsbedingungen und Subventionsbetrug vorgeworfen!

Rahmenbedingungen

Er versteht gar nicht, warum Werder sich das antut! Dieser Verein kann es doch gar nicht nötig haben, einen solchen Sponsor ins Boot zu holen. In der Zeitung liest er, dass der Verein eine Agentur beauftragt habe, einen neuen Hauptsponsor aufzutun. Infront übernahm dabei das Risiko und war bei einer erfolglosen Suche dazu verpflichtet eine Garantiesumme von geschätzten 5 Millionen Euro zu zahlen. Ihm ist nicht bewusst, dass Werder damit sein Vetorecht quasi mitverkauft hat. Als echter Bremer wünscht er sich seit Jahren schon eine Zusammenarbeit mit Beck’s, seinem Lieblingsbier. Was könnte schöner sein als diese Kooperation, der zwei typisch bremischen Marken? Der Bierbrauer wird sich aber kaum darauf einlassen, da doch beispielsweise in Hamburg massive Umsatzeinbußen zu erwarten würden, ähnlich der Situation, dass wohl so gut wie kein Dortmunder Veltins trinkt. Aber soweit denkt Ralle nicht.

Öffentlichkeit

Als er sich nachmittags auf Facebook seine Zeit vertreibt, fällt ihm eine frisch gegründete Fanpage auf, die schon einigen seiner Freunde gefällt. Eine Seite von Werder-Fans gegen Wiesenhof. Ralle ist begeistert. Endlich kann er seinem Ärger Luft machen und es dem Verein zeigen! Schnell den Button mit dem ausgestreckten Daumen angeklickt und einen wütenden Kommentar geschrieben. Jetzt müssen „die da oben“ doch mal ins Nachdenken kommen!

Die Medien reagieren auf die Fanpage ähnlich begeistert und können endlich ihr Sommerloch füllen. Für den anstehenden Tag der Fans richtet man sich auf große Proteste ein. Dem Protestmarsch vom Hauptbahnhof zum Stadion schließen sich allerdings nur um die 50 Leute an.

Auch Ralle ist zur Saisoneröffnung gekommen, will er sich die Vorfreude auf die neue Saison doch nicht ganz verderben lassen. Als mittags die Verantwortlichen zum öffentlichen Geschäftsführer-Talk zusammen sitzen und Klaus Allofs allen Ernstes meint, bei der Entscheidung für Wiesenhof sei es nicht nur um Geld gegangen sein, kann er sich nicht mehr halten, gemeinsam mit anderen stimmt er in laute Buh-Rufe ein. Wie kann der Mann nur so eine Lüge verbreiten! Eiskalt!

Später beim Testspiel gegen Aston Villa steht er in der Ostkurve, wie immer. Eine kleine Dreiergruppe, hält Plakate hoch und versucht, die anderen Fans zu „Scheiß-Wiesenhof“-Gesängen zu animieren. Ralle ist kurz davor, mitzuschreien, doch er sieht, das ist den anderen Zuschauern in diesem Augenblick herzlich egal. Sie wollen nicht gestört werden und in Ruhe das Spiel beobachten und so schweigt auch er.

Moral von der Geschicht‘

Abends nach dem Spiel, das 3:3 ausgeht, trifft Ralle sich noch mit seinen Freunden zum Grillen. Er hat zu sich nach Hause eingeladen und für alles gesorgt. Er genießt das Beisammensein und der Ärger verraucht mit den Schwaden, die vom Grill aufziehen.

Dass er das Grillgut vorher noch günstig beim Discounter im Sonderangebot erstanden hat und sich dafür noch auf die Schulter geklopft hat, vermag er nicht mit dem Unternehmen in Verbindung zu bringen, das fortan Werders Trikots zieren wird. Kritikfähig ist er, ja. Aber leider nur anderen, nicht jedoch sich selbst gegenüber.

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