Piraten – zwei Beobachtungen

by Lennart on Dezember 8, 2011

Il est encore plus facile de juger de l’esprit d’un homme par ses questions que par ses réponses. (Es ist viel einfacher, den Geist eines Menschen durch seine Fragen einzuschätzen, denn durch seine Antworten.)Pierre-Marc-Gaston, Duc de Lévis (1764-1830)

„Ihr seid die mit den Antworten.“

Es ist ein typisch moderner Reflex, auf jedes Problem sofort eine Lösung finden zu wollen: Schnell wird etwas zusammengeschustert und oftmals stellt sich dieses Vorgehen auch als äußerst hilfreich heraus. Es verbessert die Situation des Betroffenen und gibt dem Helfenden ein gutes Gefühl, eben grade weil er helfen konnte. Was ist allerdings, wenn es schon vorher ein Problem in der Kette gab? Wenn zwar die richtige Antwort gegeben wurde, aber auf die falsche Frage? Die Fähigkeit vermehrt Fragen zu stellen, ohne sofort nach Antworten zu suchen, ist etwas, dass in seiner Grundannahme über die Moderne hinausgeht und somit typisch für die Postmoderne ist. Die gierige Lösungssuche hingegen, die den Sinn der gestellten Fragen nicht weiter hinterfragt, bleibt häufig in einer Symbolpolitik stecken, ohne tatsächlichen Fortschritt zu bringen. In einer Erzählung wird einem Rabbi die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Er reagiert mit einer Gegenfrage: „Die Frage ist doch so schön, warum sollten wir sie mit einer Antwort zerstören?“ Wahlplakat der Piratenpartei in Berlin

Auf diesem Wahlplakat zeigen die Piraten, dass sie den üblichen Parteien in gewisser Weise einen Schritt voraus sind. Sie greifen ihre Art Fragen zu stellen mit einem Augenzwinkern auf. Anstatt auf Vorfälle sofort mit hektischen Gesetzentwürfen zu reagieren oder Verdächtige vorzuverurteilen, soll  Ursachenforschung betrieben und ein unaufgeregterer, ruhigerer Politikstil gefördert werden.

„Ich weiß es nicht.“

Vermutlich jeder von uns hat schon mal nach dem Weg gefragt. Wenn der Gefragte helfen kann, erklärt er einem, wo man abbiegen soll oder wenigstens, wie man seinem Ziel näher kommt. Für den Fall, dass der Gefragte die angestrebte Lokalität nicht kennt, gibt er dies zumeist ehrlich zu. Allerdings scheint dies ein deutscher Sonderfall zu sein. Im Ausland bin ich auch häufig schon mal in eine völlig falsche Richtung geschickt worden, sowohl in Israel, Spanien und der Türkei. Man erklärte mir, dass es in südlicheren Ländern peinlich sei, nicht helfen zu können. Deswegen sage man lieber irgendeine, möglicherweise falsche Richtung, als gar keine. Viel ist schon über die Unwissenheit des Berliner Spitzenkandidaten der Piraten geschrieben worden, der sich bei einer Frage nach dem Berliner Schuldenstand gehörig verschätzte. Natürlich kann es im Abgeordnetenhaus nicht lange akzeptabel und förderlich sein, sich in wichtigen Fragen nicht auszukennen. Allerdings ist es mir zuerst mal grundsympathisch, wenn Menschen ehrlich mit ihren Wissenslücken umgehen. Ich hoffe, dass die gewählten Kandidaten der Piratenpartei sich diese ehrliche Unbekümmertheit bewahren können.

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