I woke up to the sound of German Hip Hop in my head

by Malte on April 10, 2012

„Fard küsst Farid Bang zärtlich mit Zunge!“

Wie der ein oder andere mitbekommen haben mag, schaffte in letzter Zeit eine ganze Reihe deutscher Sprechgesangskünstler den Sprung von einem gewissen Level an Szenebekanntheit ins mediale Rampenlicht der Popmusik. Man erinnere sich beispielsweise an Marteria und sein Türen eintretendes Album „Zum Glück in die Zukunft“, Casper mit seiner genreübergreifenden Gratwanderung „XOXO“ oder die frechen Kraftklub und ihr Debüt „Mit K“. Nach einer Phase in der deutscher Rap vor allem mit einer gehörigen Portion an Fremdscham assoziiert wurde, machte eine Handvoll innovativer und erfolgreicher Releases ihn wieder salonfähig. Nicht zu vergessen in dieser Namensaufzählung ist wohl auch der notorische Pandamaskenträger Cro, der kürzlich von einem riesigen Internethype in die Aufmerksamkeitsspanne einer breiteren Öffentlichkeit getragen wurde. Entdeckt und maßgeblich gefördert wurde dieser dabei übrigens von einem gewissen Kaas. Und damit stoßen wir nach ausschweifendem Einleitungsgeplänkel auch endlich mal zum eigentlich Kern des Artikels vor.

Bild von der offiziellen Facebookfanpage

Besagter Kaas ist nämlich seit geraumer Zeit, nebst seiner Solokarriere, gemeinsam mit Tua, maeckes und Plan B als Die Orsons unterwegs. Paradox daran scheint, dass diese schon seit 2007 als solche existieren und rapintern bereits für einiges an Aufsehen gesorgt haben. Einem Großteil der Kiddies, die fleißig Cro & Co auf Pinnwänden teilen, scheinen sie allerdings noch kein Begriff zu sein. Die Chancen stehen jedoch nicht schlecht, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird.

Angefangen hat alles als Reaktion auf die eingangs erwähnte Stagnation der deutschen Rapszene. Ein von Regeln und Normen geprägtes Genre schrie förmlich nach einer radikalen Gegenbewegung. Die Orsons traten auf den Plan und riefen mit ihrem ersten Release „Die Orsons Das Album“ ambivalente Reaktionen hervor, was angesichts des verfolgten Programmes nicht allzu verwunderlich war. Alles, was sich als szenetypischer Standard in den Köpfen manifestiert hatte sollte ins genaue Gegenteil umgekehrt werden. So rappten Die Orsons auf Tracks mit Titeln wie „Die Orsons bauen eine Schaukel“ oder „Letsbananaholladancewoosh“ über Liebe, Blumen und Freiheit und veralberten die Engstirnigkeit der gesamten Szene. Nach ihrem zweiten Release „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Orsons“ und einer Tour als Vorband von Fettes Brot, zogen sich Die Orsons einige Zeit mit dem Ziel zurück, einen gemeinsamen, einheitlicheren Sound zu finden, mit dem alle Bandmitglieder sich zu 100% identifizieren können. Als erstes Produkt dieser Phase gibt es nun eine EP zu hören, die vor allem eins macht: Lust auf mehr.

Die neun Track starke Jetzt EP, die der aktuellen Ausgabe des Hip Hop Magazins JUICE beiliegt, beweist, dass Die Orsons mittlerweile bereit für ein größeres Publikum sind. Pumpende, dubsteppig angehauchte Beats treiben durchweg humoristische Texte nach vorne, die augenzwinkernd die gesamte deutsche Rapszene auf die Schippe nehmen. Cro-Entdecker Kaas beispielsweise, pflanzt dem Hörer das Bild von zwei sich zärtlich küssenden Ikonen des deutschen Gangsterrap (Fard und Farid Bang) in den Kopf. Tua proklamiert währenddessen Die Orsons als „besten deutschen Live-Act seit DJ Bobo“. Der ganz normale Orsons-Wahnsinn ist allgegenwärtig, jeder einzelne Track sprüht vor Kreativität und Wortwitz und es scheint unmöglich sich ein latentes Dauerschmunzeln aus den Mundwinkeln zu wischen. Es werden aber durchaus auch ruhigere Saiten angeschlagen. So befasst sich der Titeltrack „Jetzt“ beispielsweise mit dem Blick auf die Gegenwart, der aus der Zukunft heraus rosiger aussehen mag. “Heut‘ wird das Früher sein für unsere Kinder“.

Man darf wohl gespannt sein, ob Die Orsons dieses Jahr vollends den kommerziellen Durchbruch schaffen. Zu gönnen wäre es diesem bunten Blumenstrauß an Rappern, die seit ihrer Gründung für permanent frischen Wind in einem ehemals von Dogmen und Normen dominierten Musikgenre sorgen.

Formt das O!

Einfach so.

by Lennart on März 21, 2012

Letztens. Wieder einmal ist ein Semester vorüber. Ich habe gelernt, die Klausuren überstanden und endlich frei. Auf dem Weg nach Hause, nach Bremen, will ich noch einen Abstecher in Holland, bei meinem besten Freund machen, der dort studiert. Ich habe mir im Vorhinein ein Bett im Nachtzug gebucht, mein Zimmer und die WG aufgeräumt und alles gepackt. Da besagter Nachtzug allerdings wirklich nachts fährt, muss ich an meinem Umsteigebahnhof in Stuttgart anderthalb Stunden warten. Dienstagabend halt. Da gibt es keine bessere Verbindung.

In Anbetracht dieser langen Zeit des Stillstandes habe ich in Tübingen extra nichts mehr gegessen (in meinem Kühlschrank herrschte eh schon gähnende Leere) und geplant das nachts am Stuttgarter Hauptbahnhof nachzuholen. Ich komme also an, gehe entspannt zu einem Fastfoodrestaurant… und… Pech gehabt: Geschlossen. Ich sehe allerdings an der anderen Tür den Sicherheitsmann, der jedoch nur noch Leute raus-, aber niemanden mehr reinlässt. Trotzdem will ich mein Glück versuchen und frage nett, ob ich noch schnell rein dürfe, sie würden die Reste doch bestimmt noch verkaufen wollen. „Nein, tut mir Leid. Da kann ich nichts machen, sonst kriege ich Ärger mit meinem Chef.“

Ich bin genervt, weil ich Hunger habe und genervt, weil mir die Wartezeit so noch länger vorkommen würde. Also greife ich zu meinem Smartphone, um die Suchmaschine meines Vertrauens zu fragen, ob ich irgendwo in der schlafenden Stadt noch etwas Essbares bekommen könne.  Wie ich da so stehe, tippt mich auf einmal jemand von hinten an der Schulter. Während ich mich umdrehe, überlege ich, wer das wohl sein könne. Hat mich jemand von hinten erkannt? Wollte man mich von meinem Platz vor dem Fastfoodrestaurant vertreiben? Hatte ich irgendwo etwas verloren, das mir ein netter Finder wiedergeben wollte?

Alles falsch, es war der Sicherheitsmann. Lächelnd streckt er mir eine Tüte entgegen: „Ich habe nochmal mit meinem Chef gesprochen, die Reste hier brauchen wir nicht mehr.“ – „Einfach so?“ – „Einfach so.“

Virtuelle Stolpersteine

by Malte on März 5, 2012

Erschaffe dein eigenes zeitfressendes Monster

Ich bin mir in diesem Moment nicht einmal sicher, ob ich nicht Eulen nach Athen trage und dem geneigten Leser nur noch ein müdes Gähnen entlocken kann, ob des alten Hutes, den ich hier als letzten Schrei zu präsentieren versuche. Als ich über die Sache stolperte, klang sie für mich jedenfalls ziemlich neu und aufregend. Deswegen findet sie hier nun auch Erwähnung. So.

Worauf ich nach etwas diffusem Einleitungsgeschwafel nun letztendlich hinauswill ist der fabulöse Internetdienst stumbleupon, dessen Konzept ebenso simpel wie genial daherkommt. Man hinterlegt bei der Accounterstellung seine persönlichen Interessen und kann im Anschluss per Mausklick über zu den Interessen passende Internetinhalte (Videos, Blogeinträge, Bilder, Essays, usw. – der medialen Form der Darbietung sind keinerlei Grenzen gesetzt) quasi zufällig „stolpern“. Für zunehmende Passgenauigkeit zwischen angezeigten Seiten und individuellen Vorlieben sorgt dabei eine Art virtuelles Gedächtnis. Gefällt eine bestolperte Page, besteht die Möglichkeit einen nach oben gestreckten Daumen zu hinterlassen. Ebenso kann man den Daumen auch nach unten richten, falls einem die Inhalte nicht zusagen. Auf diese Weise lernt stumbleupon persönlichen Präferenzen des einzelnen Users mit der Zeit immer besser kennen und kann zunehmend auf individuelle Vorlieben abgestimmte Webinhalte präsentieren.

Ich möchte an dieser Stelle explizit vorwarnen und auf das enorme Suchtpotential, das vom Stumblen ausgeht, hinweisen. Mehrmals bereits wurde ich nachts in den Bann des personalisierten Zufallsgenerators gezogen und konnte einfach nicht widerstehen den Cursor doch noch einmal (sprich: hundertmal) in Richtung Stumblebutton zu manövrieren. Zudem kommt die Möglichkeit auf einer der entdeckten Seiten komplett hängen zu bleiben und sich nicht mehr losreißen zu können (so beispielsweise passiert mit diesem bei über stumbleupon gefundenen Spiel). Plötzlich ist es dann schon richtig (!!!) spät und man stellt sich am nächsten Morgen beim Blick in ein verheerend zerknittertes Gesicht die Frage, wie man sich denn SO verstolpern konnte. Wer sich jedoch in der Lage sieht, Großteile an wohlverdientem Schlaf und knapper Zeit zu opfern, dem sei ein Account bei stumbleupon wärmstens ans Herz gelegt. Umfassende Horizonterweiterung garantiert.

http://www.stumbleupon.com/home

 

Leerstellen

by Lennart on Januar 8, 2012

Stress scheint ein außerordentlich prägendes Phänomen unserer Zeit zu sein. Spätestens seit den Fällen Enke, Miller, Rangnick und Rafati ist der Burn-Out zur Modekrankheit geworden, die die Medien mehr und mehr dominiert. Ob es wirklich häufiger auftritt oder nur verstärkt diagnostiziert wird, ist nicht ganz klar, doch plagt uns das stetige Gefühl, gehetzter zu sein, als die Generationen vor uns. Man liest Berichte, dass „der Chinese“ so rasant aufhole, dass wir bald verloren seien. Man liest Berichte, von Kindergarten- und Schulkindern, die zusätzlich zu Englisch schon die fernöstliche Sprache lernen und fühlt sich gestrig. In unserer globalisierten Welt ist Zeit, die nicht zielgerichtet genutzt wird, verlorene Zeit.

Auch, wenn man merkt, dass diese Entwicklungen was „mit einem selbst machen“, denkt man häufig „Naja, soo schlimm ist es bei mir ja noch nicht. Zwar hab ich viel zu tun, aber die Leute mit Burn-Out hatten viel mehr um die Ohren.“ Erst wenn man mal Zeit hat durchzuatmen, merkt man, wie gut das tut. Wie sehr man solche Zeiten braucht. Schon kurze Zeiten der Entspannung geben neue Kraft. Doch jetzt, in den letzten Wochen habe ich gemerkt, wie sehr ich auch längere Auszeiten brauche. Ruhe. Zeit, die nicht sofort verplant ist. Wochen, in denen im Terminkalender nur „Semesterferien“ steht. Zeit, in der man sich ganz spontan mit Freunden trifft. Zeit, die nicht zwingend für ein Praktikum geopfert werden muss. In den zwei Wochen zu Hause, konnte ich tiefer über ungeklärte Fragen in meinem Leben nachdenken. Fragen, die sich sonst nur zwischendrin oder abends aufdrängten und von mir ebenso verdrängt werden konnten. Doch in zwei ruhigen Wochen, kann man ihnen schlechter ausweichen, diesen Fragen, wie es weitergehen soll, diesen Fragen, warum man nicht aktiver ist. Sie kommen, um zu gehen. Doch bevor sie gehen, muss man mit ihnen ringen. Und so kann einen auch diese auf den ersten Blick als Stillstand wahrgenommene Zeit weiterbringen. Vielleicht steht das nicht im tabellarischen Lebenslauf, sehr wohl aber im tatsächlichen. Kluge Arbeitgeber werden sich nicht nur von formalen Lebenserfahrungen blenden lassen, sondern merken, wenn sich in vermeintlichen Leerlaufzeiten die Persönlichkeit geformt hat. Da bin ich mir sicher.

Piraten – zwei Beobachtungen

by Lennart on Dezember 8, 2011

Il est encore plus facile de juger de l’esprit d’un homme par ses questions que par ses réponses. (Es ist viel einfacher, den Geist eines Menschen durch seine Fragen einzuschätzen, denn durch seine Antworten.)Pierre-Marc-Gaston, Duc de Lévis (1764-1830)

„Ihr seid die mit den Antworten.“

Es ist ein typisch moderner Reflex, auf jedes Problem sofort eine Lösung finden zu wollen: Schnell wird etwas zusammengeschustert und oftmals stellt sich dieses Vorgehen auch als äußerst hilfreich heraus. Es verbessert die Situation des Betroffenen und gibt dem Helfenden ein gutes Gefühl, eben grade weil er helfen konnte. Was ist allerdings, wenn es schon vorher ein Problem in der Kette gab? Wenn zwar die richtige Antwort gegeben wurde, aber auf die falsche Frage? Die Fähigkeit vermehrt Fragen zu stellen, ohne sofort nach Antworten zu suchen, ist etwas, dass in seiner Grundannahme über die Moderne hinausgeht und somit typisch für die Postmoderne ist. Die gierige Lösungssuche hingegen, die den Sinn der gestellten Fragen nicht weiter hinterfragt, bleibt häufig in einer Symbolpolitik stecken, ohne tatsächlichen Fortschritt zu bringen. In einer Erzählung wird einem Rabbi die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Er reagiert mit einer Gegenfrage: „Die Frage ist doch so schön, warum sollten wir sie mit einer Antwort zerstören?“ Wahlplakat der Piratenpartei in Berlin

Auf diesem Wahlplakat zeigen die Piraten, dass sie den üblichen Parteien in gewisser Weise einen Schritt voraus sind. Sie greifen ihre Art Fragen zu stellen mit einem Augenzwinkern auf. Anstatt auf Vorfälle sofort mit hektischen Gesetzentwürfen zu reagieren oder Verdächtige vorzuverurteilen, soll  Ursachenforschung betrieben und ein unaufgeregterer, ruhigerer Politikstil gefördert werden.

„Ich weiß es nicht.“

Vermutlich jeder von uns hat schon mal nach dem Weg gefragt. Wenn der Gefragte helfen kann, erklärt er einem, wo man abbiegen soll oder wenigstens, wie man seinem Ziel näher kommt. Für den Fall, dass der Gefragte die angestrebte Lokalität nicht kennt, gibt er dies zumeist ehrlich zu. Allerdings scheint dies ein deutscher Sonderfall zu sein. Im Ausland bin ich auch häufig schon mal in eine völlig falsche Richtung geschickt worden, sowohl in Israel, Spanien und der Türkei. Man erklärte mir, dass es in südlicheren Ländern peinlich sei, nicht helfen zu können. Deswegen sage man lieber irgendeine, möglicherweise falsche Richtung, als gar keine. Viel ist schon über die Unwissenheit des Berliner Spitzenkandidaten der Piraten geschrieben worden, der sich bei einer Frage nach dem Berliner Schuldenstand gehörig verschätzte. Natürlich kann es im Abgeordnetenhaus nicht lange akzeptabel und förderlich sein, sich in wichtigen Fragen nicht auszukennen. Allerdings ist es mir zuerst mal grundsympathisch, wenn Menschen ehrlich mit ihren Wissenslücken umgehen. Ich hoffe, dass die gewählten Kandidaten der Piratenpartei sich diese ehrliche Unbekümmertheit bewahren können.

Der nächtliche Irrgarten

by Malte on November 30, 2011

Da sitzt man mitten in der Nacht vor dem kalten Schein des Monitors und fragt sich wohin mit all den Gedanken. Eine unaufhörlich sprudelnde Quelle im Kopf, die sich stur weigert zu versiegen. Aus dem Bett getrieben haben sie einen zumindest schon, die Gedanken. Haben sich emsig einen Weg nach draußen gesucht, ein Ventil, und es scheinbar auch gefunden. Zum Verrücktwerden war es, als man verzweifelt versuchte das Gewitter im Kopf zum Schweigen zu bringen, doch in kurzen Intervallen immer wieder ein Geistesblitz die vermeintliche Dunkelheit durchzuckte und einem die Augen sperrangelweit aufriss. Für einen Sekundenbruchteil bahnte sich der Gedanke daran, wie der morgige Tag denn wohl so wird, so völlig unausgeschlafen und übermüdet, seinen Weg an die Oberfläche. So geht das doch nicht. Man müsste sie doch auch einfach zum Schweigen bringen können. Man hat ihnen doch das Wort erst erteilt, schließlich ist man ihrer Herr. Doch schon lodert der nächste Dieb auf, dessen schleierhafte Fährte bis in dutzende Sackgassen verfolgt werden will und wird.

Hellwach und nur noch knappe drei Stunden bis zum apokalyptischen Weckerklingeln. Der Drang, den man in der Lethargie des Alltags so häufig vergeblich sucht, findet einen dann, wenn man ihn sich am wenigsten wünscht. Degradiert zum Sklaven des eigenen Hirns in den Ketten der eigenen Gedanken folgt man ohne nachzudenken ihrem Willen und lässt sie hinausströmen.

Zum Glück.

Wie wird man kreativ?

by Lennart on Oktober 5, 2011

Tja, da hat man sich eine lange Verschnaufpause gegönnt, Ideen gesammelt und den Kopf frei gekriegt. Doch dann lautet die Frage: wie setze ich die Ideen jetzt um? Wie hau‘ ich die Leser denn vom Hocker? Wie werde ich kreativ?

jetzt.de der Süddeutschen Zeitung hat dazu ein Interview mit Rainer Holm-Hadulla, einem Psychologie-Professor aus Heidelberg geführt, das ich hier wärmstens empfehlen möchte. Er stellt Durchhaltevermögen als eine der wichtigsten Voraussetzungen heraus. Das könnte ein entscheidender Baustein sein, der unserer Generation schwerfällt. Da wir vielfältige Möglichkeiten haben, uns anderweitig zu beschäftigen, wird uns kaum langweilig und wir können die drängenden Fragen leicht verdrängen. Anstatt etwas einzuüben und auf dem steinigen Weg unsere Fähigkeiten zu verbessern, neigen wir dazu einen anderen Weg einzuschlagen, der zwar angenehmer ist, uns aber kaum in unserer Persönlichkeit fördert und fordert.

 

Das komplette Interview findet sich hier.

Ein Hippiekind ohne Hippieeltern

by Malte on August 1, 2011

Eine Seele aus Worten gemalt

Die Zugführer streiken, wodurch ich etwa 2 Stunden am Bahnhof mehr oder weniger sinnvoll zu füllen habe. Nachdem ich genug von Kaffee aus Pappbechern habe, beschließe ich der Bahnhofsbuchhandlung einen Besuch abzustatten. Ein Buch lächelt mich an. „Bis zum letzten Atemzug“ von der Schwedin Anne Swärd. Ich greife spontan zu und versinke im Anschluss völlig gedankenverloren zwischen den Zeilen. Ein echter Glückstreffer.

Die hoffnungslose Träumerin Lo erzählt ihre Geschichte. „Ein Hippiekind ohne Hippieeltern“, welches die meiste Zeit mit ihrer einige Jahre älteren Jugendliebe Lukas in einer abgelegenen Waldhütte verbringt. Später im Buch flieht sie aus der Abgeschiedenheit Südschwedens hinaus in die Welt. Stockholm, Budapest, New York, Berlin. Sie atmet das Leben, folgt ihrer Sehnsucht. Und doch kann sie nicht einen Tag vergehen lassen, an dem sie nicht daran denkt, wie sie Lukas verlassen hat.

Die eigentliche Handlung mag ein wenig platt klingen, doch sie ist ohnehin nur Nebensache. Vielmehr ist jedes Wort ein Pinselstrich auf der Leinwand eines Lebens. Stück für Stück ergibt sich das große Gesamtbild. Oder, wie Lo selber es ausdrückt: „Das Leben ist kaum eine Perlenkette von erhabenen Augenblicken. Es sieht nur hinterher so aus, wenn man die besten Bilder gespeichert und die Wirklichkeit zwischen ihnen gelöscht hat.“

Fast gerät die eigentliche Handlung dabei zum beiläufigen Hintergrundgeräusch. Sie erschließt sich einem nebenbei, während man scheinbar zusammenhanglos aneinandergereihte Szenen eines Super 8-Filmes an sich vorbeiziehen sieht. Einzelne Erinnerungsfetzen, die Stück für Stück das Kleid eines Lebens ergeben. Mehr das verschwommene Bild einer von Sehnsucht erfüllten Existenz, ein großes Gefühl als bloß eine Geschichte. Eindringliche Sprachbilder, die den Leser in das Leben von Lo mit hineinziehen und sie unglaublich nah erscheinen lassen. Als wäre man Teil der wichtigen Momente ihres Lebens gewesen, hätte mit ihr mitgefühlt und war doch unfähig einzugreifen.

Das Buch lebt von seiner Sprache. An vielen Stellen musste ich den Blick von den Seiten nehmen und durchatmen. Fast zu eindringlich, zu nah sind die Sprachbilder. Gefühle und Sinneseindrücke so eindrucksvoll beschrieben, dass man meint, man könnte sie greifen.

„Bis zum letzten Atemzug“ ist kein spannendes Buch, kein Buch zum Mitfiebern. Trotzdem fesselt es und bietet ein ungemein intensives Leseerlebnis. Der ungefilterte, direkte Einblick in ein fremdes Leben, eine fremde Seele. Ein Buch zum Versinken und Sehnen. Ein Buch für Träumer.

Bis zum letzten Atemzug beim Suhrkamp Verlag und bei Amazon.

Grüne Welle ins Blaue hinein?

by Lennart on Juli 25, 2011

„Ich rahm‘ mir manchmal mein Bild, bevor ich es mal‘.“

Wer kennt das nicht. Man hat ein Ziel vor Augen und macht große Pläne. Man malt sich aus, wie das fertige Produkt sein wird, egal ob Vortrag, Projekt oder Text. Man hat schon viele scheitern sehen; sie bemitleidet, für ihre guten Ansätze, die zum Stichtag allerdings kaum ausgereift waren. Und man weiß, dass man es so viel besser kann. Wie man ja überhaupt alle so viel besser kann. Man überlegt sich also, nach und nach, wie das Kunstwerk denn sein soll; denkt vom Ende her und zum Ende hin. Doch der Mittelteil fehlt völlig: man macht so viele Schritte auf einmal, dass man nur auf die Nase fallen kann. Wer kennt das nicht.

 „Ich red‘ kompliziert, weil ich kompliziert bin und kompliziert denk‘; und mich häufig als Konsequenz in meinem Kopf verrenn‘ und verrenk.“

Früher war nicht nur alles besser, sondern auch einiges einfacher: Der Beruf wurde zumeist durch die Familie vorgegeben und damit war der Lebensweg ziemlich klar definiert. Heutzutage sind viele alte Konventionen und Zwänge weitestgehend aufgeweicht und Schulabsolventen bieten sich nach dem Abitur vielfältige Alternativen. Man kann alles machen und sich für nichts entscheiden. Falls man sich festlegt, dann so spät wie möglich. Dies liegt nicht unbedingt daran, dass man sich grundsätzlich allem verweigert, sondern dass man sich mit der zweitbesten Option nicht zufrieden geben kann und möchte. Anstatt den einfachen Weg zu wählen, sind wir auf der Suche nach dem perfekten und laufen dadurch nur im Zick-Zack geradeaus.

„Irgendwie hab ich keine Zweifel, doch zweifl‘ ich an mir selbst.“

Auch wenn man es sich in schweren Stunden nicht vorstellen kann, das Leben geht weiter, immer weiter. Meistens sogar sehr gut, ohne dass wir es wahrnehmen. Verglichen mit anderen Nationen, müsste es uns ohne Natur- und Atomkatastrophen, als Land, das die Finanzkrise am Besten überstanden hat, auch als Volk blendend gehen. Doch tut es das? Nein. Wie im Großen, so im Kleinen, können wir viel zu oft nur darauf schauen, was schief läuft. Hier und da können wir erahnen, wie großartig das Leben sein könnte und das macht uns den Alltag fast zur Hölle: Wir sehen, dass wir unsere eigenen Erwartungen nicht mal im Ansatz erfüllen können. Auch wenn diese Spannung kaum auszuhalten ist, können wir doch nicht vor ihr fliehen.

Der Mindener Rapper Curse hat diese Stimmung, die jeder von uns nur allzu gut kennt, in Worte gefasst; er beschreibt eindrücklich, wie er vom Leben überfordert und auf der Suche nach Halt ist. Heraus gekommen ist das Lied Schöne Wahrheit, aus dem auch die obigen Zitate stammen.

(Ein offizielles Video gibt es nicht, diese Version ist von Menschen.Kind auf Vimeo.)

Und, wenn wir mal ehrlich sind, … hätte dieser Artikel eigentlich nicht auch viel schöner, präziser und ausführlicher werden sollen?

Hugs and Kisses

by Malte on Juli 19, 2011

Es war ja wirklich ein riesiger Hype, der sich da im Vorfeld der Erscheinung von Caspers Album XOXO zusammenbraute. Blogs, die Musikpresse und zuletzt auch Feuilletons überhäuften den 28-jährigen Bielefelder mit Vorschusslorbeeren und bürdeten ihm nicht mehr und nicht weniger auf, als die Rettung eines – meiner Meinung nach fälschlicherweise – totgeglaubten Musikgenres. Was bleibt aber nun nach dem sehnsüchtig erwarteten Stichtag 08072011? Gelang es Benjamin Griffey die bis ins Unermessliche hochgepushten Erwartungen zu erfüllen oder stieg der Druck letzten Endes doch über die Grenze des Machbaren hinaus?

Ich persönlich verfolge die musikalischen Spuren von Casper seit er im Jahre 2006 das Mixtape „Die Welt hört mich“ released hat. Mir lag und liegt der Werdegang dieses Künstlers sehr am Herzen und ich war im Hinblick auf den angesprochenen Hype ein wenig zwiegespalten. Ist halt immer so eine Sache mit Erwartungen, die logischerweise viel eher enttäuscht werden, je höher sie sind. Andererseits habe ich auch begierig jeden noch so winzigen Informationsschnipsel aufgesaugt, habe Kritiken gelesen, Interviews geschaut und bin zu Live-Auftritte gefahren. Schuldig im Sinne der Anklage. Als es dann am 08.07. so weit war (danke nochmal an den DHL-Boten, der die CD in den Briefkasten GEQUETSCHT hat, anstatt sie, wie sonst IMMER, ins Büro zu bringen), habe ich mich in einer ruhigen Minute in meinem Zimmer verbarrikadiert, meine Kopfhörer rausgeholt und das Album einmal komplett durchgehört. Der erste Eindruck war überwältigend.

Ich möchte bei allem Fantum ja nun auch nicht zu betriebsblind klingen und in überzogene Lobhudeleien verfallen. Es fällt bei diesem Album aber verdammt schwer eben dies nicht zu tun. Was Herr Griffey und Konsorten hier abliefern ist ein Meisterwerk, das vergeblich seinesgleichen sucht. Ohne übertreiben zu wollen: Es ist DAS Album. Was hier passiert, entzieht und entledigt sich jeglicher Konventionen. Frei nach dem Motto „Kaputt machen, um aufzubauen“ bricht Casper mit den Regeln und Normen des Rap (kein einziger „wie-Vergleich“!), bedient sich nach Herzenslaune in diversen Genreschubladen und schnürt sein ganz eigenes, in sich stimmiges musikalisches Gesamtpaket. Jeder Song wirkt dabei für sich allein genommen geschlossen und fertig, funktioniert aber genauso im plattenübergreifenden Gesamtkonzept. Über das gesamte Album wird so das Stimmungsbild einer Generation gezeichnet, die in einer Welt grenzenloser Möglichkeiten irgendwo zwischen Depression und Resignation, Euphorie und Aufbruch stecken geblieben ist.

Aber ist das eigentlich noch Rap? Ja, das ist Rap. Rap, der alle gängigen Dogmen des Raps über den Haufen schmeißt, die gewohnten Konzepte und Schemata abstrahiert und überwindet, ohne dabei auch nur an einer Stelle nicht mehr Rap zu sein. Daraus entsteht eine Gänsehaut-Musik, die Momente schafft, in denen einem der Atem stockt, der Kloß im Hals immer größer und die Augen immer feuchter werden. Genauso aber auch Momente, in denen man wütend die Fäuste ballt und die Zähne fletscht. XOXO funktioniert dabei vor allem über regelrechte Stimmungsexplosionen. Über Spannungsbögen, die die Energie eines Songs immer weiter aufstauen, um sie dann in diesem einem Moment zu entladen, der alles andere nebensächlich erscheinen lässt. Über wirklich hervorragende Texte (und ich meine WIRKLICH hervorragende Texte), die assoziative Gedankenbilder schemenhaft vor dem inneren Auge entstehen lassen. Man gerät ins Träumen, man vergisst sich völlig in einzelnen Songs, der Musik und plötzlich geht einem ein „Michael X“ so nahe, dass man einfach überläuft. Danke für diese Platte. Ohne Scheiß.

XOXO.

Casper auf Facebook, Twitter und im Web.

Kaufen kann man das Album hier.

PS: Casper ist mit XOXO auf Platz 1 der deutschen Album-Charts eingestiegen. <3