Rentner’s Paradise: Feuertaufe an der Wursttheke

by Malte on Januar 29, 2014

Rückblickend betrachtet war es von Anfang an eine Scheißidee. Was anfänglich noch Neugierde und Abenteuerlust war, kippt schnell in ein Gefühl der Verlorenheit um. Ich bin Fremdkörper und als solcher werde ich auch behandelt. Mir im Vorbeigehen zugeworfene Blicke schwanken auf der Zuneigungsskala zwischen liebenswürdig-bemitleidend und hasserfüllt-abweisend; die neutrale Grauzone ist ausradiert. Ich befinde mich im Niemandsland, bin hinter feindlichen Linien auf mich alleine gestellt. Ich befinde mich im real-Markt Bremen-Habenhausen. Es ist 11:30 Uhr an einem Freitagvormittag. Wie ich heute auf die harte Tour lernen werde, ist dies die Primetime für den Wochenendeinkauf aller Stadtteilbewohner, deren Geburtsdatum auf vor 1939 zurückdatiert.

Mit grauen Jacken und Seemannsmützen bewaffnet trifft sich hier alles, was Rang und Namen in Shantychor und Kegelclub hat. Es geht allerdings um weit mehr als nur den Einkauf der Lebensmittel fürs Wochenende, welches ja sowieso keinen Zweck erfüllt, schließlich ist für besagtes Klientel jeder Tag Samstag. Vielmehr ereignet sich hier ein vorstädtisches Großereignis, ein Schaulaufen von Strickjackenträgern und Rollatorpiloten. Ich merke schnell: An diesem Ort wird genau jetzt die soziale Hackordnung Habenhausens bestimmt, es ist ein einziges sehen und gesehen werden (soweit die Sehstärke es zulässt). Am Freitag werden die Dauerwellen zum Klönschnack am Konservenregal feinsäuberlich hochtoupiert, was zur Folge hat, dass der gesamte Laden, je nach Aufenthaltsgebiet mehr oder weniger dezent, nach Drei-Wetter-Taft riecht. Am Freitag steht man noch früher als sonst auf, um die silbergrauen Opel Vectras (Baujahr 1994) noch fix durch die Waschstraße zu kutschieren, damit bei der Auffahrt auf den Parkplatz auch ordentlich Eindruck geschunden wird.

Eine gewisse Exklusivität wird da vorausgesetzt. Da kann man nicht einfach so als Normalsterblicher mir nichts, dir nichts hereinmarschieren (so wie ich) und noch erwarten, freundlich behandelt zu werden. Meine einzigen Verbündeten sind (der Uhrzeit nach zu urteilen) größtenteils arbeitslose Söhne um die vierzig, die ja sowieso nichts zu tun haben und deshalb auch Graupensuppe und Nierentee für Muddern aus dem Regal fischen können. Muddern platziert sich derweilen herrisch in der Gangmitte und wirft mit dem Gehstock im Anschlag mit kommandoartigen Anweisungen um sich. Sohnemann hetzt daraufhin unermüdlich durch die schier endlosen Regalschluchten und kehrt dann hechelnd zu Muddern zurück, um seine Beute zu präsentieren. „Nee, die von Kühne hab ich gesacht!“, fährt sie ihn an, woraufhin er mit dackelgleich gesenktem Kopf auf der Suche nach der richtigen Spreewaldgurkensorte wieder abtrottet. „Und gleich müssen wir dann noch nache Fleischtheke hin!“, bellt sie ihm hinterher.

Mir graut es, denn an ebendiese Fleischtheke führt mich auch meine durch den Einkaufszettel von Oma bestimmte Reise. Sie hätte gerne 150g Fleischsalat, aber „auf keinen Fall den abgepackten“, hallt es in meinem Kopf nach. Ich manövriere also an Muddern vorbei, die noch immer munter vor sich hinkeift, in Richtung des hauseigenen Metzgereibetriebes. Beim Anstellen werde ich Zeuge eines Schwarmverhaltens der besonderen Art. Ich reihe mich, wie es sich gehört, am Ende der Schlange an, wobei mir in der Ausrichtung meines Einkaufswagens ein grober Schnitzer unterläuft, der mich als eindeutigen Außenseiter brandmarkt. Die strafenden Blicke der vor mir aufgereihten Scheintoten durchdringen mich. Ich habe, ohne groß darüber nachzudenken, meinen Einkaufswagen parallel zur Fleischtheke positioniert. Die restlichen Supermarktkunden haben ihre Einkaufswagen hingegen im lupenreinen 90-Grad-Winkel mit der Nase von der Theke weg drapiert, um so den Aufbau einer längeren Wurstschlange zu ermöglichen. Beschämt korrigiere ich meine Parkposition und schaue entschuldigend in die Runde. Damit ersticke ich den drohenden Konflikt im Keim, die Wurstschlange lässt von mir ab. Ich Konformist. Ich bin überrascht über die Vielfalt an Wurstsorten, die hier ausliegt und anscheinend auch gerne bestellt wird. Die grobe Jagdwurst (sprich: Jachtwors) erlebt ihre Hochkonjunktur und auch der totgeglaubte Apfel-Grieben-Schmalz erweist sich als wahrer Kassenschlager.

Auch sonst legen die Senioren ein Shopping-Verhalten an den Tag, das für den Otto-Normal-Einkäufer, milde gesagt, nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Im Stop-and-Go fließt der Verkehr schubweise durch den Supermarkt, wobei penibel auf die Einhaltung der Rechts-vor-Links-Regel geachtet wird. Wer hier unachtsam ist und andere Verkehrsteilnehmer behindert oder ihnen gar die Vorfahrt nimmt, fängt sich schnell eine ausgedehnte Predigt an. Diese beginnt meist mit dem Verhalten der jungen Leute (als klar abgegrenzte soziodemographische Bevölkerungsgruppe) generell, involviert die namentliche Nennung mehrerer CDU-Politiker der Vergangenheit und endet meist mit den Leiden der Nachkriegszeit. Die Abarbeitung der verschiedenen Themenkomplexe kann, abhängig von der Tagesform des Referenten, zwischen fünf und fünfzig Minuten in Anspruch nehmen – man tut also gut daran, seine Einkäufe mit Vorsicht durch die Gänge zu karren.

So erledige ich also, durchgängig geplagt von Versagensängsten, den Rest meiner Einkäufe und komme dann völlig verunsichert und durchgeschwitzt endlich an der Kasse an. Über die Kleingeldaffinität der vor mir wartenden Kunden bin ich nach alldem nun auch nicht mehr sonderlich überrascht. Da werden Beträge trotz stark ausgeprägter Kurzsichtigkeit auf den Cent genau abgezählt, eine Kombination, die den Bezahlvorgang doch latent entschleunigt. Die geduldige Kassierin lächelt mir entschuldigend zu, wobei sie ihre vom jahrelangen exzessiven Nikotin- und Koffeinkonsum verfärbten Zähne entblößt. Anders kann man das hier auch nicht ertragen, vermutlich kippt sie sich über Frühstück und Mittagspause verteilt dazu noch eine Flasche Mariacron auf die Leber. Für mich sieht sie aus wie Ende vierzig, ist wahrscheinlich aber erst Anfang zwanzig. Die Blüte ihrer Jugend verschenkt an die Spitze der Alterspyramide; sich die Schönheit aussaugen lassen von den Grauhaarzombies, die hier allwöchentlich durch die Gänge schlurfen. Sie wirkt verlebt, erinnert vom Erscheinungsbild entfernt an Mick Jagger. Kein Wunder, denke ich mir, fünfzig Jahre Sex, Drugs and Rock’n’Roll sind ein Kinderspiel, verglichen mit fünf in der Rentnerhölle.

Manches sollte man sich nochmal durch den Kopf gehen lassen.

by Lennart on September 5, 2013

Und wir sitzen am Küchentisch. Haben gekocht. Vegetarisch natürlich, wie das in manchen Kreisen so üblich ist. Gegen die Unterdrückung von Tieren und sowieso gegen das System. Warum nicht vegan? „Naja, irgendwo muss man ja auch vernünftig sein“, sagt er, „mit komplett veganer Ernährung könnte man wohl kein Volk ernähren, aber wir machen immerhin schon mal einen Anfang.“  Manches sollte man sich nochmal durch den Kopf gehen lassen.

Und wir sitzen auf der Wohnzimmercouch. Sprechen über die aktuelle politische Lage: „Was da in Ägypten wieder los ist, ist ja krass. In der Türkei gab es nur ein paar Verletzte, aber in Ägypten sterben ja sogar richtig viele Leute. Heftig.“ – „Und im Irak geht’s doch auch wieder drunter und drüber, ne?“ In dem Maße, in dem wir politisch interessiert sind, sind wir auch effekthascherisch und peitschen uns gegenseitig mit den neuesten Schlagzeilen hoch. „Habt ihr gehört? Mubarak soll jetzt aus dem Gefängnis kommen!“ – „Was echt?“ – „Aber wieso haben die eigentlich die Muslimbrüder gewählt? Ich mein‘, Demokratie ist ja schön und gut, aber deren Wähler waren doch auch alles Analphabeten.“ Wir wähnen uns bei der Beurteilung der Situationen einen Schritt weiter und denken, mehr verstanden zu haben als andere. Manches sollte man sich nochmal durch den Kopf gehen lassen.

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Und ich sitze an der Haltestelle. Neben mir zwei Menschen wohl türkischer Abstammung: „Wenn jetzt weiter die Grenzen aufgemacht werden, kommen ja voll viele Bulgaren und Rumänen nach Deutschland. Unsere Väter und Großväter sind wenigstens noch zum Arbeiten gekommen und nicht, um die Sozialsysteme auszunutzen.“ Menschen versuchen leider viel zu häufig, sich nach unten abzugrenzen. Tagsüber habe ich noch erfahren, wie die NPD Plakate aufgehängt hat mit Slogans wie „Geld für die Oma, statt Sinti und Roma.“ Manches sollte man sich nochmal durch den Kopf gehen lassen.

Und ich sitze in der Straßenbahn. Das Mädchen hinter mir spricht ihre Probleme in ihr Handy. Erzählt von Tobi, mit dem sie zusammen ist. Und Sascha, der eifersüchtig ist und sich freut, wenn sie sich mit Tobi streitet. Aber Tobi meint es mit ihr ja auch nicht ernst und fährt noch mit Martina zweigleisig. Jeder ist auf der Suche nach seinem persönlichen Besten und legt sich deswegen auf fast nichts mehr fest. Manches sollte man sich nochmal durch den Kopf gehen lassen.

Und währenddessen hält es einen Jungen nicht mehr auf seinem Platz. Er muss aussteigen, weil er zu viel getrunken hat. Er macht das, was wohl das einzig richtige ist: Er lässt sich die ganze Scheiße nochmal durch den Kopf gehen und kotzt sich die Seele aus dem Leib.

Rote Doppeldeckerbusse

by Malte on August 6, 2013

Funktionieren. Mit dem Menschenstrom mitschwimmen. Durch U-Bahn-Tunnel, durch Ampelphasen, in rote Doppeldeckerbusse hinein und wieder heraus. Augenkontakt vermeiden, dem Gegenüber auf engstem Raum seine Privatsphäre lassen. Lieber auf das Smartphone starren, die Kopfhörer in den Ohren, irgendetwas lesen. Es geht niemanden an, was irgendjemand hier verloren hat. Jeder spielt seinen Part in einem niemals endenden Theaterstück, das jeden Tag aufs Neue aufgeführt wird. Vermutlich ist es Glück, das irgendwo zwischen all den Mind-the-Gaps und dem Sirenengeheul und dem nicht endenden Gepiepe der Oyster-Cards liegt. Wenn das stimmt, hat noch niemand es gefunden. Kein Innehalten, bis spät am Abend, wenn man die Anzahl der Feierabendbiere an den müden Blicken ablesen kann. Die Stadt atmet auf und vielleicht grinst sogar jemand kurz. Und am nächsten Tag geht es weiter durch das Gedränge, durch die unvermeidbaren Schulterrempler, durch die gemurmelten Sorry-Mates und Excuse-Mes, die einer jeden Aufrichtigkeit schuldig bleiben. Vorbei an den Bauarbeitern mit gelben Westen und bellendem Cockney-Akzent. Heranrauschende Busse mit ausgestrecktem Arm heranwinken. Alle Sprachen dieser Welt an einem Tag hören. Rechts auf der Rolltreppe stehen, während das Leben an einem vorbeizieht. Strampeln, um nicht unterzugehen. All das für eine 0 auf dem Kontoauszug am Ende des Monats. Doch das ist es wert.

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Israel: Weit weg und doch so nah.

by Lennart on Juni 11, 2013

24. Dezember 2012, 8 Uhr morgens, 25°. Dieses Szenario mag dem ein oder anderen bekannt sein, der zum Beispiel nach dem Abitur für ein Work&Travel-Jahr in Australien war. Allerdings bin ich nicht auf dem Weg zum Strand sondern zu meinem allmorgendlichen Hebräisch-Kurs. In einem Land, in dem nur etwa 2% der Bevölkerung Christen sind, haben die für uns üblichen Feiertage kaum Bedeutung; nur als mittags meine Arabisch-Lehrerin Baklava mitbringt kommt ein kleines bisschen Festtagsstimmung auf.

Israel_1_Weg zum Hebräischkurs an Heiligabend

Was verschlägt mich also in dieses Land, das wir zwar aus den Nachrichten kennen, das uns aber doch so fern scheint? Nachdem ich vor drei Jahren schon meinen Zivildienst in Jerusalem verbracht habe und dort körperlich Behinderte gepflegt habe, hat es mich gereizt, noch einmal zurück zu gehen und das Land als Student kennen zu lernen. Israel liegt am östlichen Rand des Mittelmeeres und ist damit näher als man denkt: Mit etwa dreieinhalb Flugstunden von Berlin ist es nicht weiter entfernt als Gran Canaria. Das Land, das etwa so groß wie Hessen ist, besteht zu großen Teilen aus einer Wüste, hat Zugang zu drei Meeren (Mittel-, Totes und Rotes Meer) und doch kann man im Winter im Norden Ski fahren. Die Großstädte sind ähnlich vielfältig. Die Hauptstadt Jerusalem ist das Zentrum der drei großen monotheistischen Weltreligionen, Tel Aviv ist eine der modernsten Partymetropolen und gilt mit seiner Weltoffenheit als eine der Hauptstädte der Schwulen- und Lesbenszene und in Haifa sind viele Technologiefirmen angesiedelt. Kurz gesagt: In Jerusalem wird gebetet, in Tel Aviv wird gefeiert und in Haifa wird gearbeitet. Demnach war Haifa zum Studieren wohl nicht der schlechteste Standort; vor allem kann man die anderen beiden Städte kann man auch innerhalb von zwei Stunden erreichen.

Israel_3_Blick auf Haifa aus dem Wohnheim

Da sich sowohl der jüdische als auch der muslimische Kalender von unserem gregorianischen unterscheiden, wurde auch Silvester kaum gefeiert. Für einen Dienstag waren zwar recht viele Leute unterwegs, allerdings auch nicht mehr als an einem normalen Donnerstag. „Donnerstag als üblicher Partytag?“, mag man sich vielleicht fragen. Ganz genau! Da die Muslime am Freitag ihren Ruhetag begehen und die Juden mit dem Sabbat folgen, erstreckt sich das israelische Wochenende auf diese beiden Tage und ist damit quasi einen Tag „vorverlegt“. Doch es gibt auch noch andere Unterschiede. Das Preisniveau ist in vielen Fällen höher als in Deutschland (Ein Bier kostet in einer Bar meistens 5-6€) und ein Cheeseburger wird nur auf Nachfrage mit Käse belegt, da in der koscheren jüdischen Küche Milch und Fleisch getrennt werden.

Israel_4_Tel Aviv

„Ist es da unten denn nicht viel zu gefährlich?“, ist eine häufig gestellte Frage. Nach meiner Erfahrung: Nein! In den insgesamt knapp anderthalb Jahren, die ich im Land gelebt habe, war mein Leben nie gefährdet. Vor jedem Supermarkt ist ein Sicherheitsmann postiert, der jegliche Taschen kontrolliert und vor wichtigeren Gebäuden wie der Central Bus Station, Bahnhöfen oder der Universität wird mit Metalldetektoren gearbeitet. Natürlich ist das für einen Neuling erst mal irritierend, aber ich habe mich in Deutschland fast schon unsicher gefühlt, als ich zurückkam.

Israel_5_Blick auf das Mittlemeer ganz hoch im Norden

Die politische Lage habe ich so erlebt: Als ich das erste Mal nach Israel kam, dachte ich, dass ich „den Konflikt“ endlich verstehen würde. Einerseits verstehe ich jetzt viel besser, warum Leute in der Region ticken, aber eine Lösung scheint mir andererseits viel weiter entfernt. Vor Ort merkt man dann doch, wie häufig man die beiden Völker mit einer gewissen europäischen Arroganz bewertet und die Situation zu stark simplifiziert. Besonders dicht kam es, als im November der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen so stark wurde, dass die israelische Armee stärker reagierte als zuvor. Ich selbst war zwar nicht bedroht, da die Raketen nicht ganz bis in den Norden reichten, allerdings bekam diese militärische Auseinandersetzung eine persönliche Note, als fünf Freunde von mir für eine eventuelle Bodeninitiative eingezogen wurden und für eine Woche fehlten. Auf einmal war das, was man sonst in den Nachrichten sieht, sehr nah und konnte nicht so schnell weggezappt werden. Zum Glück konnten die beiden Konfliktparteien rechtzeitig einen Waffenstillstand aushandeln, sodass die Fünf unverletzt zurückkehrten.

Israel_6_Schnee in Jerusalem

Denjenigen, die trotz der angespannten Lage einen Besuch im Heiligen Land in Erwägung ziehen, würde ich noch folgendes auf den Weg geben: Mit einem israelischen Stempel im Pass kann man die beiden Nachbarländer Jordanien und Ägypten bereisen, für die restlichen Länder des Nahen Ostens braucht man einen zweiten Reisepass. Israel ist also ein guter Start für alle, die in diese interessante Region eintauchen wollen; egal, ob man ein ganzes Semester dort verbringt oder nur den nächsten Urlaub.

Abschied.

by Lennart on Mai 15, 2013

Leere.

Als König Otto 1995 nach gut 14 Jahren von den Bayern abgeworben wurde, konnte ich vielleicht grade mal einem Ball hinterher rennen, von der Bundesliga wusste ich allerdings noch nichts. Da meine Eltern sich kaum für Fußball interessierten, meine Oma Bayern- und mein Opa HSV-Fan waren, war der Weg zum großartigsten Verein der Welt gar nicht mal so einfach. Aber trotzdem, hab ich irgendwann in der grauen Zeit nach Otto Rehhagel so langsam mitbekommen, dass da ein Verein ist, der ganz schön sympathisch ist; auch wenn die Zeit unter Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka und Felix Magath alles andere als erfolgreich war. Man sucht sich seinen Lieblingsverein ja selten selbst aus, sondern wird eher vom Verein gefunden. So war es auch in den späten 90ern als ich gemerkt habe, dass Werder ein Club ist, zu dem man stehen kann, zu dem man hält.

 

 

Mein erster Stadionbesuch am 07.051999 war zugleich auch das letzte Spiel mit  „Quälix“ Magath. Unter Thomas Schaaf ging es dann so richtig los: Gleich mit seinem ersten Spiel schaffte er den entscheidenden Schritt zum Klassenerhalt und einige Wochen später gelang sogar der DFB-Pokal-Sieg gegen den übermächtigen FC Bayern. Durch München wehte am nächsten Tag ein kalter Wind, Menschen hasteten tränenblind. (Ganzes Lied der Original Deutschmacher) Thomas Schaaf führte Werder vom graue Maus-Status wieder nach oben und etablierte Werder auf Jahre in der Champions League. 2004 wurde das Double gewonnen, 2009 holte er das dritte Mal den DFB-Pokal nach Bremen. Zusätzlich wurden wir noch zwei Mal Vizemeister, standen zwei Mal im Pokalfinale und erreichten 2009 sogar das Finale des UEFA-Cups.

Trotz all dieser Leistungen stagnierte die fußballerische Entwicklung der Mannschaft in den letzten Jahren. Sie stand zwar immer noch für das Besondere und bot auch Dinge an, allerdings musste man mit ansehen, wie andere Teams taktisch an Werder vorbeizogen. Die Rücktrittsforderungen im Bremer Umfeld mehrten sich und glichen zunächst häufig dem gleichen Muster: „Man muss einfach mal was neues ausprobieren.“ Dabei ist Neues erst mal nur neu; nicht unbedingt besser. Ich bin froh, dass die Vereinsführung dieser Hauruck-Logik nicht blind gefolgt ist und Schaaf nicht Hals über Kopf über Bord geworfen hat, um wenigstens etwas versucht zu haben.

Mit dem Rücktritt Klaus Allofs‘ im vergangenen Herbst und der Verpflichtung des nahezu unbekannten Sportdirektors Thomas Eichin kam frischer Wind in den Verein. Er konnte als Außenstehender erfrischende neue Perspektiven einbringen und viele wünschten sich, dass er mit einem neuen Trainer in die kommende Saison gehen würde. Als es heute Morgen dann allerdings endgültig war, dass Schaaf und Werder getrennte Wege gehen war mein Kopf leer. Auch wenn es rational richtig zu sein scheint, verbinde ich mit dem Menschen Thomas Schaaf so unglaublich viel, dass mir der Abschied nicht leicht fällt. Ihm selbst geht es nicht anders, was dieses emotionale Video zeigt:

Und so hört die Werder-Zeit eines großartigen Menschen auf, der seit seinem elften Lebensjahr im Verein war. Eine ganze Generation von Werder-Fans kann es sich gar nicht vorstellen, dass jemand anderes als Thomas Schaaf die Spieler von der Seitenlinie aus dirigiert. Mit seinem ersten Spiel als Trainer konnte er Werder vor dem Abstieg retten und auf den Tag genau 14 Jahre später schließt sich dieser Kreis. Danke für die wundervolle und erlebnisreiche Zeit dazwischen!

Danke, Thomas Schaaf! Lebenslang Grün-Weiß!!

Der Prinz bereit zur Thronfolge

by Malte on März 19, 2013

Den Kompass auf die Chartspitze gerichtet

Innerhalb der deutschen Rapszene begeistert er bereits seit Jahren ausverkaufte Hallen und mit „Rebell ohne Grund“ gelang ihm vor zwei Jahren sogar der Charteinstieg auf die 9. Der Sprung auf die ganz große Bühne der medialen Aufmerksamkeit blieb dem gebürtigen Berliner Prinz Pi bisher jedoch verwehrt. Die Zeichen, dass sich dies zukünftig ändert, stehen derzeit jedoch nicht schlecht und das nicht nur aufgrund des seit einigen Jahren anhaltenden Booms deutscher Sprechgesangsmusik in der Öffentlichkeit. Die zwei vom kommenden Album bereits veröffentlichten Singles „Unser Platz“ und „100X“ lassen definitiv auf ein wahres Meisterwerk der Untergrundlegende hoffen.

Geboren in Berlin-Charlottenburg im Jahre 1979 wächst der bürgerliche Herr Kautz allen Klischees entgegen in recht behütetem Hause auf, besucht ein griechisches Gymnasium. Von 1998 an macht er in der Berliner Rapszene unter dem Namen Prinz Porno als Mitglied der Beatfabrik auf sich aufmerksam und feiert erste Erfolge im Untergrund. Später folgt der Wechsel des Pseudonyms zu Prinz Pi, welchem vor allem die akute Verwechslungsgefahr mit Porno-Rappern wie Frauenarzt oder King Orgasmus One zugrunde lag. Statt mit frauenverachtenden Textpassagen und Machoattitüde weiß Prinz Pi nämlich durch die Behandlung sozialkritischer Themen und klugem Wortwitz zu überzeugen – Fähigkeiten, die ihn zu einer festen Größe innerhalb der Szene avancieren lassen.

Mit „Kompass ohne Norden“ hat Prinz Pi das Release seines nunmehr 15. Soloalbums für den 12.04.2013 angekündigt und lässt (mich ganz persönlich) durch die Veröffentlichung der ersten zwei Singles insgeheim schon auf den ganz großen Fang hoffen. In einigen Interviews im Vorfeld der Veröffentlich wurde die auf der Scheibe behandelte Thematik bereits abgesteckt. Um die Ziellosigkeit der heutigen Jugend soll es gehen, die zwischen unbezahlten Praktika, 400€-Jobs und dem Irgendwas-mit-Medien-Syndrom schlicht und ergreifend die Orientierung verloren hat.

Man darf hoffen, dass es Prinz Pi mit „Kompass ohne Norden“ nun vollends gelingt, über die Genregrenzen hinaus bekannt zu werden. Immer mehr hat sich deutscher Sprechgesang über die letzten Jahre in das musikalische Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrängt und wenn ein Farid Bang und ein Kollegah es mit „Jung, Brutal, Gutaussehend 2“ mütterfickender- und messerstechenderweise an die Spitze der deutschen Albumcharts schaffen und dabei vom Feuilleton gnadenlos abgefeiert werden, sehe ich keinen Grund, warum ein absolutes Ausnahmetalent der Szene es ihnen nicht gleichtun sollte. Ohne eine Hypelawine lostreten oder von ihr mitgerissen werden zu wollen: Ich persönlich erhoffe mir von Kompass ohne Norden nicht weniger als das beste Rapalbum aus deutschen Landen seit Caspers wegweisendem Meilenstein „XOXO“. Dass der mittlerweile zum Teeniestar avancierte Bielefelder dabei das einzige Feature auf der gesamten Platte abliefert, ist doch schon mal ein Zeichen, oder? Und außerdem: Wer so locker und beiläufig „Chio Chips“ auf „Videoclips“ reimt, dessen Album kann nur das absolut größte Ding seit geschnitten Brot werden.

Weiterführende Links:

Die Premium-Edition von Kompass ohne Norden bei Amazon vorbestellen.

Prinz Pi im Internet.

Prinz Pi bei Facebook.

Prinz Pi bei Twitter.

Europa

by Lennart on Februar 24, 2013

Und da bist du in Leuven, einer belgischen Kleinstadt in der Nähe von Brüssel, und merkst, dass Europa mehr ist als Reisefreiheit, der Euro oder die EU.

Europa heißt unter anderem auch, dass du in einem beliebigen Ort studieren kannst, zusammen mit Spaniern, Italienern, Österreichern, Iren, Griechen, Portugiesen, Holländern, Polen, Tschechen, Belgiern, Schweden, Türken, Dänen oder auch Norwegern. Man geht eine Freundschaft auf Zeit ein, wird nach dem Semester nicht alle wiedersehen und doch fühlen sich die Beziehungen bereits nach einer Woche so an, als ob man schon mindestens einen Monat da wäre.

Abends steht man in einer Bar und fragt einen Griechen vorsichtig, ob man ob der deutschen Arroganz in der Eurokrise gehasst wird. Und der Grieche reagiert genauso sensibel mit der Aussage: „Ich dachte, ihr hasst uns, weil wir unsere Probleme nicht gelöst kriegen…“ Ich erzähle ehrlich, dass es bestimmt viele Deutsche gibt, die Vorurteile haben, dass Griechen faul seien, aber dass die zu großen Teilen Meinungsmache der Medien sei und wiederum andere viel reflektierter dächten. „Aber es stimmt doch auch irgendwie! Wir sind ein bisschen faul!“ Und wieder einmal merke ich, dass es einen großen Unterschied macht, ob jemand sich selbst kritisiert zuschreibt oder ob ein Außenstehender Vorurteile über eine Gruppe von Menschen verbreitet. Ersteres ist eher mit positiven Emotionen und dem Wunsch nach Besserung verbunden, wohingegen letzterem eher negative Emotionen und eine herablassende Haltung zu Grunde liegen. Das Land, in dem heute wohl die meisten Witze über den Holocaust gemacht werden, ist Israel. Was dort aber die Fähigkeit ist, über sich selbst lachen zu können, kann in anderen Kontexten schnell antisemitisch sein. Genauso ist es doch völlig klar, dass ein Weißer das Wort „Neger“ nie und nimmer neutral verwenden kann, auch wenn es Dunkelhäutige untereinander gebrauchen. Der Grat zwischen Selbstironie, Vorurteilen, Ressentiments und Rassismus ist sehr schmal und fließend.

An einem anderen Tag fragt eine Spanierin, was ich von Merkel halte. „Unabhängig von ihrem Kabinett habe ich den Eindruck, dass sie eine gute Kanzlerin ist. Bei den Deutschen ist sie sehr beliebt, wobei ich wenig von ihrer Politik mitbekomme. Viele haben das Gefühl, dass sie unsichtbar ist und kritisieren, dass sie Probleme aussitze und warte, bis diese sich von selbst lösen.“ – „Tatsächlich? In Spanien ist sie fast täglich in den Nachrichten.“ Als ich sie auf die nächsten Wahlen anspreche, meint sie: „Im Prinzip sind die mir egal. Ich habe mich vor zwei Jahren bei
‚Democracia Real Ya!‘ (Echte Demokratie jetzt!) engagiert, aber das hat auch nichts gebracht. Die Politiker haben zwar beteuert, dass sie sich über das Interesse der Bürger an Politik freuen, aber im Endeffekt sind immer noch viele korrupt und auf ihren eigenen Vorteil bedacht.“

Bei alledem wird sichtbar, wie wichtig der Austausch zwischen den einzelnen Ländern ist, damit Europäer voneinander lernen können und Vorurteile entkräftet werden. Die EU besteht ja nicht nur aus einer Wirtschaftsgemeinschaft, in der die Abschaffung von Handelsbarrieren das größte Ziel ist. Das Motto der EU „Unity in diversity“ (In Vielfalt geeint) wird besonders anhand der Sprache deutlich: Englisch ist die gemeinsame Basis zur Verständigung, aber jeder hat und behält seinen eigenen Akzent. Man braucht im Moment also keine Angst zu haben, dass Europa die besonderen Eigenschaften der einzelnen Länder verdrängt.

Und da bist du in einer belgischen Kleinstadt und fühlst dich auf einmal so europäisch.

Zwischen Mittelmeer und Jordan

by Lennart on Januar 2, 2013

Jedes Land ist anders. Zunächst fallen einem natürlich die großen Dinge auf: Das Wetter, die Sprache oder auch das Essen. Inspiriert von einem Blog von Freunden, die derzeit auch im Ausland studieren, gibt es hier mal eine Auflistung einiger offensichtlicher Dinge aber auch von Nebensächlichkeiten, die man erst auf den zweiten Blick bemerkt, wenn man in Israel lebt:

Du weißt, dass du in Israel bist, wenn…

  • … ein Land von der Größe Hessens an drei Meeren liegt, weitestgehend aus einer Wüste besteht und man trotzdem im Winter Ski fahren kann.
  • … du häufig Soldaten siehst, deren Waffe im Bus gerne auch mal in deine Richtung zeigt.
  • … du im November noch mit kurzer Hose und T-Shirt rumlaufen kannst und auch im Dezember selten eine Winterjacke brauchst.
  • … du bei einem normalen Mc Donald’s keinen Cheeseburger bestellen kannst, weil Milch und Fleisch getrennt werden.
  • … du kein öffentliches Gebäude betreten kannst (Supermarkt, Universität, Bar, Central Bus Station), ohne deine Tasche vorher von einem Sicherheitsmann kontrollieren zu lassen.
  • … du für Bier im Supermarkt 2€, in einer Bar sogar 6€ bezahlst.
  • … die Lebenshaltungskosten generell höher sind als in Deutschland.
  • … du dir nicht sicher bist, ob du auf der richtigen Toilette bist, bis dir wieder einfällt, dass es in den meisten Bars und Restaurants nur einen gemeinsamen Raum für Männer und Frauen gibt.
  • … fast überall offene W-Lan Netzwerke zu empfangen sind, sogar in Zügen und vielen Bussen.

„Die Wirklichkeit erschließt sich am einfachsten zitatenweise.“ – Elazar Benyoëtz

by Lennart on November 11, 2012

Ehrliche Frage: Liest du noch viel?

Früher hab ich viel gelesen, oh ja, sehr viel. Häufig gingen die „kleinen“ Bücher mit 100-150 Seiten an einem Tag weg. Doch mit zunehmendem Alter nahm das Lesen ab; genauso, wie unsere Welt schneller und hastiger zu werden scheint. Ich weiß gar nicht, ob ich unbedingt insgesamt weniger lese als früher, allerdings sind es heute viel eher kurze Texte. Für längeres Lesen fehlt im Vergleich oftmals sowohl die Zeit (bzw. wohl eher, dass ich mir die Zeit bewusst nehme) als auch leider die Konzentration.

Neues Netz

Ob die Texte, die man liest, jetzt kürzer oder länger sind (und was daraus folgt) ist ja ein Thema für sich. Das Hauptaugenmerk sollte doch erst einmal darauf liegen, ob sie gut sind oder nicht. Der eine liest mehr, der andere weniger. Was allerdings feststeht: Jeder liest. In Zeiten, in denen pro Minute über 60 Stunden Videomaterial zu YouTube hochgeladen werden und man nur allzu schnell den Überblick im medialen Internetdschungel verliert, ist die Suche nach den Perlen gar nicht so einfach.

Und jetzt?

Genau diesem Problem hat sich QUOTE.fm, ein junger Internetdienst aus Hamburg, angenommen. Worum es geht? Texte! Jedem laufen ab und zu großartige Zeilen über den Weg, deren Links man sich bisher nur per Email geschickt oder auf Facebook geteilt hat. QUOTE.FM vereinfacht und revolutioniert diesen Vorgang. Hat man einen guten Text gefunden, wählt man flugs zwei markante Sätze aus, klickt die Browser-Erweiterung und fertig: Die Empfehlung erscheint auf der Website. Dieses Zitat lässt andere viel eher erkennen, ob der Text sie interessieren könnte. Sie drohen nun nicht mehr im Wust des zu viel unterzugehen und müssen sich andererseits nicht mit dem zu wenig der reinen Überschrift zufrieden geben. Durch diese Appetitanreger landen die gesuchten Perlen nicht mehr ständig vor den Säuen.

 

Ich persönlich bin sehr begeistert von QUOTE.fm. Einerseits ist das Design aufgeräumt, neu und hübsch, andererseits habe ich durch die Plattform schon mehrere brillante Stücke gefunden, die nicht von den gängigen Mainstream-Websites stammten.

Meine kleine Zitatebibliothek findet sich hier: http://quote.fm/lennardodavinci

Surreale Lebenslust

by Malte on Oktober 5, 2012

Momentaufnahmen aus Valencia

Das Leben pulsiert durch das Labyrinth aus Gassen und Seitenstraßen, der Geruch von Benzin hängt leise in der stillstehenden Luft und der Klang von Autohupen füllt die hellbraunen Häuserschluchten. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, schaue nach oben in den wolkenlosen Himmel und kneife die Augen beim Blick in die grelle Nachmittagssonne zusammen. Vielleicht ist die drückende Hitze schuld oder die eigene Unausgeschlafenheit, doch ich fühle mich, als würde ich träumen. Die gesamte Situation erscheint mir surreal, als wären die unzähligen Menschen auf der Straße nur engagierte Statisten in einem Theaterstück, das für die Touristenscharen tagtäglich aufgeführt wird.

Typische Straße in Valencia

Die Zigarette schmeckt stark und hinterlässt ein angenehmes Schwindelgefühl. Ich sitze auf dem einzigen sonnenbeschienenen Fleck der Calle Conquista, in der mir eine humpelnde Taube Gesellschaft leistet. Ich frage mich, wie genau ich hier eigentlich hergekommen bin, doch irgendwie gefällt es mir hier und auch dieses Gefühl. Nicht weit entfernt baut der Barmann seine Stühle auf und Beatriz tritt gerade aus der Tür heraus, um mit Paco, dem kleinen Hund mit dem umgedrehten Bein, spazieren zu gehen.

Ich spüre, wie der Sand angenehm zwischen meinen Zehen kitzelt, während das Meer leise im Hintergrund wispert. Der Wind streichelt mir leicht über den nackten Rücken und ich merke noch, wie ich in Richtung Schlaf davondrifte.

Valencias Strand mit Palmen

Mit Sand in den Haaren und dem Geruch von Sonnenmilch und Sommer auf der Haut sitzen wir im Taxi und gleiten durch Kreisverkehre. Im lauen Schein der Abendsonne unterhalten wir uns mit dem Taxifahrer in gebrochenem Spanisch über Musik, um letztendlich bei Pink Floyd zu landen. Dann ist es einer dieser Momente und wir schweigen im stillen Einverständnis und gucken durch unsere Sonnenbrillen aus dem Fenster, weil es so am Besten ist.

Wildes, unruhiges Menschengedränge und sorgenfrei nach oben emporgestreckte Hände umringen mich. Wir tanzen zu schlechter Musik unter dem wolkenfreien Sternenhimmel, einfach um nicht still zu stehen, um noch nicht den unerwarteten Morgen begrüßen zu müssen. Es ist schon spät oder vielleicht auch früh, doch das ist hier so und kümmert auch keinen und mich in genau diesem Moment am allerwenigsten.

Dumpfe Glockenschläge hallen durch die laue Sommernacht, während ich im dreckigen Unterhemd mutterseelenallein bei geöffnetem Fenster auf der Couch im Wohnzimmer sitze. Gegen das leichte Hungergefühl im Bauch hole ich mir eine Kiwi auf einer Untertasse und trinke dazu ein kühles Wasser ohne Kohlensäure direkt aus der Plastikflasche. Die mit Ornamenten verzierte Decke ist hoch und macht, dass ich nicht einen müden Gedanken ans Schlafen verschwende. Der Moment im Mondlicht ist wertvoller als alle Ruhe, die ich niemals finden werde.

Fotos: Kolja Czudnochowski